How are you, Mzungu?

Es gibt da einen kleinen Verein. Lediglich 13 Mitglieder zählt er derzeit. Klein, aber die Aufgabe, die er sich gestellt hat, ist alles andere als das. Der Wasser für Menschen (WfM) e.V. macht direkte Entwicklungshilfe in Uganda, wo sauberes Trinkwasser Mangelware ist. Durchfallerkrankungen, bakterielle Infektionen und Parasiten gehören hier zum Alltag. In der Trockenzeit nimmt man weite Wege auf sich, um an brackiges, verfaultes Wasser zu kommen. Gerade für ärmere Leute, die sich Feuerholz zum Abkochen des Wassers nicht leisten können, bedeutet das ein sehr hohes Risiko. Alternativen gibt es meist keine. Um dem entgegen zu wirken, hat WfM damit begonnen den Bau von Zisteren zu untersützen, damit das Wasser, das in der Regenzeit reichlich vom Himmel fällt, gespeichert werden kann. Familien, die Zugang zu Zisternen haben, müssen ihre Kinder nicht auf stundenlange Märsche zum nächsten Tümpel schicken.

Doch damit nicht genug. Wasser, das ein halbes Jahr in einer Zisterne gelagert wurde, ist nicht zwangsläufig sauber, geschweige denn hat Trinkwasserqualität. Irgendetwas musste anders gemacht werden. Wenn die Wasserqualität das Hauptproblem darstellt, ist es notwendig, diese zu verbessern. Doch wie? Die Lösung für dieses Problem sind Wasserfilter aus Keramik! Hergestellt aus lokalen Materialien von Leuten vor Ort. Die Wertschöpfung liegt zum allergrößten Teil in Uganda selbst. Entwicklungshilfe zur Selbstermächtigung. In den letzten Jahren wurde mit Hilfe des WfM eine Wasserfilterproduktion aufgebaut.

Es ist das eine, Krankheiten durch verschmutztes Wasser zu verhindern, doch was ist mit denen, die bereits unter den Folgen leiden? Diesen Gedankengang hatte WfM ebenfalls und unterstützt daher eine kleine Klinik sowohl mit finanziellen Mitteln, als auch mit tatkräfitger Unterstützung durch eine deutsche Ärtzin. Einfachste medizinische Versorgung ist für die meisten Menschen dort nicht bezahlbar. Weder die Behandlung noch die Medikation sind für sie erschwinglich. Die Unterstützung der Moru-Klinik durch WfM rettet sprichwörtlich Leben.

“Ja, und was hat das jetzt mit Alexander zu tun?”, fragt ihr euch bestimmt!

Tja, der Wasser für Menschen e.V. hat mich darum gebeten, das Projekt und die Leute vor Ort zu besuchen und zu dokumentieren. Mein ehrenamtlicher Beitrag zu diesem großartigen Projekt, für das ich gerne meine Urlaubstage opfere. Und – retrospektiv – sofort wieder tun würde. Doch das wäre jetzt zuweit vorgegriffen.

Meine Freundin engagierte sich schon vor einigen Jahren im Zuge ihres Studiums für WfM und ist seit Kurzem selbst Mitglied des Vereins. Dadurch habe ich immer etwas mitbekommen. Vergangenes Jahr veranstaltete sie zusammen mit der Eine Welt Gruppe Bad Brückenau einen Vortrag von Hans-Otto Wack – erster Vorsitzender des WfM – der über die Projekte berichtete. Nach dem Vortrag unterhielten wir uns mit ihm und kamen darauf, dass für 2018 noch Leute gesucht würden, die die Projekte in Uganda besuchen wollen. Dabei entschieden wir auch, dass es an der Zeit war, mal neue Bilder von beiden Projekten zu machen.

Vier Monate später stehe ich mit drei weiteren Reisenden in Entebbe am Flughafen und warte auf das Mietauto, mit dem wir nach Mbarara fahren werden. Es erwartet uns eine fast sechsstündige Autofahrt quer durch das Land, bei teils zweifelhaften Straßenverhältnissen. Jeder Reiseführer warnt davor nachts zu fahren, denn Straßenbeleuchtung gibt es nicht, die Beleuchtung am Fahrzeug ist optional, Hauptstraßen sind gleichzeitig Fuß und Feldwege, es gibt Schlaglöcher groß wie Meterioritenkrater, von Wildwechsel ganz zu schweigen. Doch wir geraten gleich am ersten Tag in die Dunkelheit, denn wir verfahren uns und kommen zudem in eine Polizeikontrolle – die uns ohne ein, für ugandische Verhältnisse, saftiges Schmiergeld nicht weiterfahren lässt.

Wir kommen sehr spät in unserem Hotel in Mbarara an. Durch die lange Reise gebeutelt, fallen wir in unsere Betten.

Während ich wegdämmere, fällt mir auf, dass ich in den letzten 32 Stunden lediglich auf 20 Minunten Schlaf gekommen bin, auf der Rückbank unseres alten Mietwagens.

Mein Schlafkontingent mehrt sich nur unwesentlich, denn wir fahren gleich früh morgens zur Moru-Klinik, 28 Meilen ausserhalb von Mbarara im Oruchinga Valley. Die Zeit, die wir in den Projekten widmen können ist kurz und muss daher maximal ausgenutzt werden.

In der Moru-Klink werden wir freudig von Carol, der leitenden Krankenschwester und Gründerin, begrüßt. Noch weiß niemand außer ihr und ihrer Auszubildenen, dass wir da sind. Die Patienten, die vor der Klinik warten, sehen uns mit großen Augen an. Hier im Oruchinga Valley ist der Anblick von Mzungus, weißen Menschen, eine absolute Ausnahme.


Ohne lange zu zögern, tragen wir kistenweise Medikamente und medizinische Utensilien, die wir aus Deutschland mitgebracht haben, in die Klinik – natürlich zur großen Freude von Carol, da sie weiß, welchen Schatz wir ihr hier mitgebracht haben.

Wir erhalten eine kurze Führung durch die Klinik und die umliegenden Gebäude, stets beäugt von Kinderaugen, die uns überall hin folgen. Doch die Führung dauert nur kurz – denn jetzt wird behandelt.

Die Patienten, denen wir in der Klinik begegnen, sind die Ärmsten der Armen – mit Krankheitsbildern, die wir im verwöhnten Europa gar nicht mehr kennen. Krankheiten, die bei uns ohne Komplikationen mit einfachster Medikation behandelt werden, arten hier chronisch aus. In Deutschland geht man wegen Belanglosigkeiten in die Notaufnahmen und beschwert sich noch, wenn ein tatsächlicher “Notfall” vor einem dran kommt – hier in Uganda geht man zum Arzt, wenn man es sich leisten kann oder es nicht mehr anders geht. Kann man sich die Behandlung nicht leisten, knapst man es sich vom täglichen Essen ab. Hier im Oruchinga Valley ist nichts mit “blau machen”, hier arbeitet man jeden Tag, um zu überleben – “Krankenkasse” ist ein Fremdwort. Selbst mit Knochenbrüchen und Bandscheibenvorfällen geht man hier noch aufs Feld und betreibt Ackerbau, erfahren wir von Carol.

Neben den Bildern, die ich von der Klinik, den Mitarbeitern und Patienten machen, packe ich an, wo ich kann. Das Blutdruckmessgerät versagt seinen Dienst und das Ultraschallgerät, eine Spende aus Deutschland, gibt regelmäßig wegen Überhitzung den Geist auf. Das Blutdruckmessgerät kann ich mit den wenigen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, nicht retten. Das Ultraschallgerät jedoch kann ich mit Hilfe eines Ventilators und der Reinigung des Luftfilters soweit stabilisieren, dass einige Mütter ihre ungeborenen Kinder sehen können.

Es mag zwar pathetisch klingen, aber in diesem Moment wusste ich, dass das, was ich tue, wirklich etwas bringt, wirklich etwas bedeutet und bewegt. Es mögen nur Kleinigkeiten sein, die ich beitragen kann, aber diese Kleinigkeiten sind für mich so bedeutungsvoll, dass mein Alltag in Deutschland regelrecht belanglos wirkt.

Was sind unsere Probleme schon im Vergleich zu denen, die die Menschen hier haben?

Am zweiten Tag bin ich zum ersten Mal beim Oru-Water Wasserfilterprojekt. Die Begrüßung ist ebenso herzlich wie am Tag zuvor. Unsere Gruppe hat sich planmäßig aufgeteilt. Zwei betreuen weiter die Moru-Klinik und behandeln einen Patienten nach dem anderen – und zwei kümmern sich um die Belange der Wasserfilterproduktion. Wir werden direkt von Bright, der Hauptverantwortlichen vor Ort, begrüßt und herumgeführt. Oru-Water hat einen kleinen Innenhof, natürlich mit einer großen Wasserzisterne, Lagerräumen für Ton, Sägespäne, fertige Wasserfilter und Filter, die für den Brennvorgang vorbereitet werden. Zu allererst besprechen wir mit Bright was wir uns für den Tag vorgenommen haben – dazu gehören unter anderem eine generelle Lagebesprechung und Berichterstattung über die vergangen Monate, eine Buchprüfung über Ein- und Ausgaben, aber auch ein ausführliches Videointerview und das Filmen des Herstellungsprozesses der Wasserfilter.

Wärend wir unser erstes Gespräch mit Bright führen, füllt sich der Raum mit immer mehr Leuten: Arbeiter aus dem Projekt, Mitglieder von Oru-Water, neugierige Kinder.

Nachdem wir die buchhalterischen Themen abgehandelt haben, geht plötzlich alles ganz schnell. “Jetzt zeigen wir euch, wie wir die Filter bauen”, heisst es, und ich habe kaum Zeit, meine Kamera in Stellung zu bringen.

Da ich die Videoaufnahmen mit meiner Canon 6D mache, ich jedoch hin und wieder die Schärfe nachjustieren muss, bzw. auch mal zoome, baue ich mir eine provisorische Stützkonstruktion, damit ich die linke Hand frei habe – die Kamera aber trotzdem halbwegs stabil halten kann. Ich zweckentfremde mein Reisestativ – ein Bilora TT-3. Eines der Beine kann als Einbeinstativ genutzt werden. Doch mit einem Einbeinstativ kann man sich nicht frei bewegen, mal in die Hocke gehen oder ohne Verwackeln die Perspektive wechseln. Daher habe ich das Bein vollständig eingefahren, abgewinkelt und auf meinen linken Unterarm gelegt. So kann ich zoomen und frei fokusieren, halte die Kamera aber dennoch halbwegs stabil, da die Last auf beiden Armen liegt.

Die Arbeiter lassen sich nicht lumpen und fangen sofort an, den Ton abzuwiegen und das richtige Mischverhältniss mit den Sägespänen herzustellen. Wenn die Filter später gebrannt werden, verbrennen die Sägespäne und hinterlassen kleine Poren im Ton, durch die das Wasser fließen kann, Schwebstoffe und Bakterien aber stecken bleiben.

Die trockene Mischung wird unter viel Gelächter mit Wasser vermengt, bis sich eine feste formbare Masse gebildet hat. Ordentlich portioniert kommt der Ton danach in die Filterpresse. Nach dem Pressen wird der obere Rand noch etwas glatt gestrichen und mit einer Seriennummer für die Qualitätssicherung versehen.

Die Filter trocken nun für mindestens zwei Wochen, bevor der nächste Arbeitsschritt erfolgt – das Brennen.

Nachdem die Filter gebrannt sind, wird die erste Qualitätskontrolle durchgeführt. Gemessen wird die Durchflussrate des Wassers. Ist sie zu hoch, besteht das Risiko, das das Wasser nicht vollständig gereinigt wird – ist sie zu niedrig, dauert der Filterungsprozess zu lange und der Filter setzt sich zu schnell zu.

Ist die erste Kontrolle überstanden, wird die Innenseite des Filters mit antibakteriell wirkendem Silberoxid bestrichen.

Um das Produkt abzurunden, wird der Filter in einen Eimer gesetzt, der wiederum mit einem Zapfhahn versehen ist, um an das gefilterte Wasser zu gelangen.

Es folgt die zweite Qualitätskontrolle – eine bakterielle Untersuchung. Das gefiltete Wasser wird mit Hilfe von Nährlösungen und Petrischalen auf bakterielle Rückstände geprüft. Lassen sich keine Rückstände nachweisen, können die Filter verkauft werden.

Jetzt sind wir an dem Punkt angekommen, wo es in dem Projekt noch nicht ganz funktioniert. Die Produktion steht, die Produkte sind super – nur wie vermarktet man die Filter im Oruchinga Valley, in den Flüchtlingslagern, in der Region um Mbarara?

Mit genau diesen Fragen sind wir konfrontiert und daher treffen wir uns mit einem Professor der nahe gelegenen Universität. Zusammen mit Bright und ihm planen wir die nächsten Schritte, um die Wasserfilter möglichst vielen Menschen in der Region zur Verfügung stellen zu können. Es wird sich zeigen, ob unserer Ideen Früchte tragen werden – denn ohne unsere Unterstützung trägt sich das Wasserfilter-Projekt aktuell einfach noch nicht.

Wenn du dich näher über die Projekte im Oruchinga-Valley infomieren – oder vielleicht auch unterstützen möchtest, dann schau mal bei www.wasser-für-menschen.de vorbei.

Aktuell sind zwei zielgerichtete Spendenaktionen möglich:

Du kannst direkt die Moru-Klinik unterstützen – gerade werden neue Gebäude gebaut –

oder direkt das Wasserfilter-Projekt von Oru-Water.

Wenn du wissen willst wem du vor Ort mit deiner Spende hilfst, dann wirf einen Blick in meine Galerie Faces of Uganda, voll mit Portraits von den Menschen, die entweder in den Projekten Arbeit gefunden, oder die medizinische Hilfe der Moru-Klinik in Anspruch genommen haben.

Die Tage, an denen wir die beiden Projekte angeschaut haben, sind so schnell vorbei, das es sich schon seltsam anfühlt wieder aufzubrechen. Die wenigen Tage die uns in Uganda bleiben verbringen wir im Queen Elizabeth Nationalpark – ein wirkliches Kontrastprogramm über das ich in einem separaten Post berichte (siehe Please turn left, there is a Pumba).

Was zu erst für mich “nur” als ehrenamtliches Fotoshooting begonnen hat, hat sich für mich zu viel mehr gewandelt. Die Eindrücke die ich vor Ort gewinnen durfte, die Gastfreundschaft und Herzlichkeit haben mich dazu bewegt nun auch ordentliches Mitglied des Wasser für Menschen e.V. zu werden.

Ein Rundgang durch die Moru Clinic – Aufzeichnung der aktuellen Baumaßnahmen durch Carol.