Society, I hope you’re not lonely without me – Durch die Hardangervidda Teil 2

Was sind die Risiken eines Gewitters in den Bergen und in der Hochebene?

Diese Frage stellten wir uns immer und immer wieder, während wir einen Fuß vor den anderen setzten. Es war nicht so, dass wir in dieser Hinsicht gänzlich unerfahren waren, aber in der Hardangervidda hat ein Gewitter nochmal eine andere Qualität. Auf den Hochebenen gibt es keinen Schutz, keinen Fels der vor Regen und Wind schützt, kein Tal, in das man schnell absteigen kann. Hier oben ist man dem Wetter gänzlich ausgesetzt.

Den ersten Teil des Reiseberichts findest du hier.

Wir sind trocken geblieben. Das Zelt hielt stand und der Regen hörte zum nächsten Morgen hin wieder auf. Der nahe gelegende Fluss hatte sichtlich an Wasser zugenommen.

Das größte Risiko in einem Gewitter ist nicht der Blitzschlag, sondern die Mengen an Wasser, die auf einmal von oben herab kommen – Überschwemmungen, Murenabgänge, Erdrutsche.

Der Boden um uns herum war durch den heißen Sommer in Norwegen, wie im Rest Europas, gänzlich ausgetrocknet und saugte den Regen auf wie ein Schwamm. Kaum dass sich der Himmel wieder aufgeklart hatte und die Sonne heraus kam, sah die Landschaft aus, als hätte es das Unwetter gar nicht gegeben.

Unser Weg führte uns zum Berg Hårteigen. Das war nicht nur der höchste Punkt der Tour, sondern an dieser Stelle wandelte sich die Landschaft nochmal mehr ins Extreme. Mit der Höhe kam die Ausgesetztheit. Der Wind bließ stärker und kälter, die Landschaft wurde noch karger – mehr Fels und Eis.

Inmitten dieser Szenerie schlugen wir unser Nachtlager auf – wieder mal um uns herum keine Menschenseele. Lediglich ein paar vereinzelte Schafe konnten wir hören.

Weißt du, wie es sich anfühlt, wenn der Regen nicht von oben, sondern von vorne kommt? Wenn sich das Wasser langsam durch deine Kleidung drückt, jede noch so kleine Lücke sucht? Wenn du vor lauter Nebel gerade mal ein paar Meter weit sehen kannst? Wenn das Wetter einfach nicht besser werden will und du vor lauter Erschöpfung hinterfragst, was das alles soll und warum du hier bist? Du keine Lust mehr hast, weiter zu laufen, keinen Elan hast, einen Zeltplatz zu suchen, dich aber einfach nur in deinen Schlafsack zwängen willst, um dich auszuruhen?

Stell dir all das vor.

Und dann klart der Himmel auf – du bist an einem wunderschönen Ort, die Wolken schillern plötzlich in allen Farben des Sonnenuntergangs.

Das war es wert!

Uns kamen am folgenden Tag wahrlich Zweifel, ob es all das wert war. Nicht nur regnete es fast den ganzen Tag und der Nebel hüllte uns ein – nein, es war schlimmer, kälter, nässer, gefährlicher.

Ein anstrengender Anstieg bei trügerischer Windstille und ohne Regen verleitete uns dazu, der Wärmeentwicklung an den Beinen wegen, die Gamaschen abzulegen und in den Rucksäcken zu verstauen. Kaum hatten wir aber den Anstieg geschafft, begann das Elend. Unwillens die Gamaschen wieder aus den Rucksäcken zu holen, kommentiert mit “jetzt ist´s sowieso schon zu spät” stapften wir in ein Desaster aus gänzlicher Durchweichung.

Die Imprägnierung meiner Hose gab schnell den Geist auf, das Wasser sickerte mir von oben in die Schuhe, bald lief ich wie barfuss im Schlamm. Schnell war meine Hose so durchnässt, als wäre ich voll bekleidet durch hüfthohes Wasser gewatet. Der Frontalregen peitschte unerbittlich und das Wasser fand über Halstuch und Handschuhe langsam aber sicher seinen Weg unter unsere Hardshelljacken. Es dauerte nicht lange und es war nass. Alles nass.

Bist du völlig durchnässt bei eisigem Wind, dann gibt es eigentlich nur zwei Optionen: Entweder das Lager aufzubauen, alles Nasse abzulegen und sich im Schlafsack aufzuwärmen so gut es geht – oder unerbittlich weiter zu laufen, um dadurch warm zu bleiben. Da wir noch nicht sonderlich weit gekommen waren und nach wie vor auf besseres Wetter hofften, liefen wir weiter. Pausen machten wir nur kurz – einige Minuten still zu stehen reichte aus, um uns auszukühlen.

Und dann wurde es wirklich unangenehm. Die Sicht verschlechterte sich, der Regen nahm zu. Es blitzte, gefolgt von einem Donnergrollen.

Wir wussten nicht, wo sich das Gewitter befand, ob wir darauf zu liefen oder uns davon entfernten. Wir zählten die Sekunden zwischen Blitz und Donner, um heraus zu finden wie weit das Gewitter weg war, doch schnell merkten wir: wir waren mitten drin. Im Nebel konnten wir nichts erkennnen – wir wussten nicht, ob wir exponiert sind oder geschützt – ob wir uns vorwärts oder rückwärts bewegen oder ausharren sollten.

Da wir uns gerade wieder an einem Anstieg befanden, war der erste Impuls umzukehren, um nicht noch exponierter zu sein als wir möglicherweise sowieso schon waren. Doch wussten wir auch, dass wir bei einer Umkehr auch keinen Unterschlupf oder geeigneten Zeltplatz finden würden. Und hätten wir einen Unterschlupf gefunden, wäre uns sehr schnell sehr kalt geworden.

In Vorbereitung auf die Wanderung hatte ich mir eine GPS-Uhr zugelegt und die Strecke in ihrer ganzen Länge eingetragen. Auch wenn die Wanderkarten an sich gereicht hätten, war die Uhr an dieser Stelle wirklich hilfreich.

Ein Blick auf das Höhenprofil der Etappe machte mir schnell klar, dass wir kurz vor einem Pass waren und es daraufhin schnell und steil bergab gehen würde. Wir waren nur noch wenige hundert Meter vom Pass entfernt. Die Entscheidung war klar: Beine in die Hand, über den Pass und nichts wie runter.

Nachdem wir etwas an Höhe verloren hatten, wurde die Sicht auch deutlich besser. Mit der Höhe verließen wir auch die Wolken, durch die wir zuvor stundenlang gelaufen waren – und nach einigen Stunden wurde auch der Regen schwächer und wir suchten uns einen Platz fürs Zelt. Ohne groß zu überlegen nahmen wir die erstbeste ebene Fläche, die uns unterkam – unsere Finger waren mitlerweile so kalt, dass uns der Aufbau des Zeltes deutlich schwer fiel. Im Zelt spannten wir unsere Schnürsenkel zu einer Wäscheleine auf in der Hoffung, dass wir zumindest ein paar der Kleidungsstücke trocken bekommen würden – ein hoffnungsloses Unterfangen.

Als ich meinen Rucksack öffnete, um an meine trockene Kleidung zu kommen, musste ich feststellen, dass auch er und die Regenhülle dem Wasser nicht mehr standhalten konnten. Zum Glück hatte ich alles nochmals in Plastiktüten oder wasserdichten Packsäcken verstaut und bis auf ein paar Kleinigkeiten ist alles trocken geblieben.

Während die am Gebirgskamm hängengebliebenen Gewitterwolken in der Ferne weiter rumorten, schliefen wir vollkommen erschöpft ein.

So sehr wir Pech am Vortag hatten, so viel Glück hatten wir am nächsten Morgen. Bis auf ein paar vereinzelte Wolken war der Himmel klar und die Sonne schien. Selbst mit ununterbrochener Sonne dauerte es aber bis zum Mittag, bis wir alles wieder halbwegs trocken hatten.

Wegen der wirklich anstrengenden Tage zuvor liefen wir nur wenige Stunden. Wir gönnten uns nur eine kleine Unterbrechung von einem Bad bei strahlendem Sonnenschein in einem eisigen See – fast wie ein Strandurlaub. Nur kälter, ohne Meer und mit Bergen drumherum.

Unser vorletztes Lager bauten wir am Fuß des Berges Sandfloeggi auf. Dort liegt das Sandflobecken, eine Aneinanderreihung von Seen, die in einem Wasserfall – dem Sandflofossen – münden. Auch hier zeigte sich die Hardangervidda im Abendlicht von ihrer schönen Seite.

Die Gegend um den Sandfloeggi ist bereits wieder in der Nähe zur Nationalparkgrenze und damit auch der Zivilisation. Wir begegneten zunehmend wieder vereinzelt Menschen.

Aber nicht nur durch die gelegentliche Begegnung mit anderen Wanderern auf dem Weg zeigte sich, dass wir uns der Zivilisation näherten. Tief innerhalb des Nationalparks ist kaum ein Zeichen menschlicher Aktivität zu sehen, doch fanden sich hier vermehrt Feuerstellen und leider auch jede Menge Müll. Wir waren im Speckgürtel der Tagestouren angelangt.

Was ich an Müll fand, verstaute ich so gut es ging zwischen Rucksack und Regenhülle. In einem älteren Post habe ich mal meine Beweggründe dafür aufgeschrieben – Schönheit und Dreck.

Die letzte Etappe nach Haukeliseter, zurück in die Zivilisation, war ein Kinderspiel im Vergleich zu den ersten Tagen. Ohne das Gewicht des Essens auf dem Rücken und mit der Gewöhnung an das viele Laufen ging es fast beschwingt voran. Wir begeneten nun immer mehr Menschen, Familien, Jägern, Tageswanderern. Und als wir den letzten Abstieg antraten, begrüßte uns bereits das Rauschen der Landstraße, die durch Haukeliseter, das Ziel unserer Wanderschaft, führt.

Ein Kulturschock nach zehn Tagen Wildnis.

Jede Menge Menschen, Autos, Busse, knatternde Motorräder. Alles irgendwie ein bischen zu viel.

Eine kleine Flucht gelang mir noch, als ich zum Abschluss am See Ståvatn mein letztes Bild der Reise schoss, bevor es auf die fünf Stunden dauernde Fahrt im vollgestopfen Schnellbus zurück nach Oslo ging.