Agile Arbeits-Methodik in der Fotografie

Bildentwicklung Mensch vor Bergen im Sonnenuntergang

In meinem Hauptberuf geht es um kreative Prozesse die Neues erschaffen, die Entwicklung und das Design von Produkten und Software. Daher beschäftige ich mich seit längerem mit der agilen Arbeits-Methodik, wie zum Beispiel SCRUM. Diese lassen sich auch auf die Fotografie anwenden.

Agile Methoden werden angewandt, um schnell auf Veränderungen im Schaffungsprozess reagieren zu können. Abrupte Änderungen kommen auch in der Fotografie vor. Sei es, dass das Wetter umschlägt, oder ein Kunde sich doch etwas anderes bei dem Shooting vorgestellt hat, als zuvor vereinbart.

Vorgeschichte

Kennst du das? Du bist an einem wunderschönen Ort. Zückst deine Kamera. Machst ein Bild. Und gehst weiter. Zuhause schaust du dir das Bild im Großformat an und irgendwie kickt es nicht richtig. Zurück zu fahren, um das Bild nochmal zu machen, dafür ist es bereits zu spät. Ein scheiß Gefühl, nicht wahr?

Du blickst zurück und denkst dir wahrscheinlich – „hätte ich mir doch ein bisschen mehr Zeit genommen und ein Bild gemacht, das nicht verwackelt, unscharf oder überbelichtet ist“.

Mir ging es früher genau so. Ich habe jedoch lange den nächsten Schritt nicht getan. Nämlich, mir zu überlegen, was ich anders machen will und es dann auch zu tun.

Prinzip Agilität: Die Denkweise in der agilen Methodik

Die Denkweise, die jeder agilen Methode zu Grunde liegt, lässt sich am besten wie folgt beschreiben:

  • Gehe einen Schritt voran
  • Betrachte deine Position
  • Überlege dir ob der Schritt gut war, was dir dran gefällt, was daran nicht so gut war und was du beim nächsten Schritt anders machen würdest
  • Gehe zurück, probiere es von Neuem und ändere vielleicht den Kurs

Oder

  • Bewege dich weiter in dieselbe Richtung, weil du weißt, dass es gut war

Wichtig bei der agilen Denkweise ist es, dass ein Zyklus geschaffen wird, der einen regelmäßigen Rückblick erlaubt.

Auf diese Weise entstehen heute Smartphones, Autos, Apps und Unterhaltungselektronik.

Agiler Zyklus in der Fotografie
Agiler Zyklus in der Fotografie

Anwendung agiler Methodik in der Fotografie

Die agile Methodik begründet sich in der Softwareentwicklung der 80er Jahre. Damals wurde ein Manifest entworfen, dass die Prinzipen umreißt. Und seit dem haben sich auf Basis dieses Grundgedankens viele verschiedene Rahmenwerke für Prozesse des „Erschaffens“ entwickelt.

Und diese Prozesse kannst du auch auf deine Fotografie anwenden. Die hierfür wichtigsten Prinzipen aus dem agilen Manifest sind die folgenden:

  • Reagieren auf Veränderung ist wichtiger als das Befolgen eines Plans
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden ist wichtiger als Vertragsverhandlung

Heraklit soll einst gesagt haben:

Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung

Selbiges lässt sich auch darauf anwenden, was sich Kunden, z.B. bei einem Shooting, als Ergebnis vorstellen. Die Erfahrung zeigt, dass sich Vorstellungen und Erwartung ändern können. Aber was tun? Den Kunden im Regen stehen lassen, nicht auf die Veränderung eingehen, und auf den Vertrag und den Plan pochen? Klar, Verträge und Absprachen sind wichtig um eine Sicherheit für sich selbst und den Kunden zu schaffen. Aber wer wird dich eher nochmal buchen, oder weiterempfehlen? Ein zufriedener Kunde, der sich verstanden fühlt, oder einer, der zwar bekommt was er wollte, aber dennoch unzufrieden ist?

Du hast vielleicht seit längerem ein Landschafts-Motiv im Sinn. Deine Planung steht, die Wettervorhersage passt und du bist rechtzeitig am richtigen Ort. Und trotzdem kann sich alles ändern. Das Wetter kann umschlagen. Die Vorhersage versagen. Vielleicht ist dein Fotospot total überlaufen. Bei all der Vorbereitung wäre es aber schade abzubrechen, oder nicht?

Veränderungen sind unabdingbar. Doch irgendwie müssen diese Veränderungen gehandhabt werden. Es braucht einen Rahmen, der es erlaubt mit den Veränderungen umzugehen.

Den agilen Zyklus finden

Einen festen regelmäßigen Rückblick zu etablieren, ist recht schwierig, da der Prozess des Bildermachens manchmal sehr kurzlebig sein kann. Daher muss man sich einen anderen Weg suchen. Für mich funktioniert der Rückblick am besten, während ich mit der Kamera vor Ort bin.

Mein Tipp für dich:

Schau dir dein Bild an und frage dich, was dir daran gefällt, was dich vielleicht stört und was du beim nächsten Bild anders machen würdest.

Machst du ein Shooting für einen Kunden, binde ihn in deinen Rückblick mit ein. Wenn er/sie mit in den kreativen Prozess integriert wird, steigt die Zufriedenheit am Ende umso mehr.

Probiere Sachen aus, die du noch nie gemacht hast und lerne bewusst daraus, in dem du dir diese drei Fragen stellst:

  • Was gefällt mir an diesem Bild?
  • Was gefällt mir nicht?
  • Wenn ich es nochmal mache, was mache ich anders?

Hier ein paar Ansätze die du probieren kannst.

  • ändere deine Perspektive
  • eleminiere störende Elemente die du nicht in deinem Bild haben willst
  • kontrolliere dein Histogramm und damit, ob dein Bild gut belichtet ist
  • frage dich, was du interessant an deinem Bild findest und was nicht

Wechselt das Wetter bei deinem Landschafts-Motiv, baue es mit ein. Ein Wetterwechsel kann deinem Motiv sogar noch das gewisse Etwas geben. Ein kurzer Regenschauer sättigt deine Farben. Nebelschwaden machen deine Bilder mystisch. Nimm die Veränderung hin und betrachte sie als Chance.

Das wird natürlich nicht immer gelingen. Etwas daraus lernen wirst du aber alle mal. Frage dich einfach, was du das nächste mal anders machen willst. Und setze es dann um.

Beispiel: Fotoshooting im Umland von Innsbruck

Ich möchte euch anhand eines Beispiels darlegen, wie das agile Vorgehen in der Fotografie funktioniert.

Im Frühjahr war ich mit dem Foto- und Videografen Jannis Teubert in der Nähe von Innsbruck unterwegs. Wir bestiegen einen kleineren Berg um den Sonnenuntergang über den Bergen zu sehen. Vom Gipfelplateau aus ergab sich eine wunderschöne Stimmung über den Bergketten, die sich in rötlich violetten Schichten in die Ferne streckten.

Ich hatte eine relativ klare Vorstellung von einem Bild. Nämlich, wie Jannis vor der Bergkulisse in den Abendhimmel blickt. Also positionierte ich ihn an einer Stelle die von meinem Standpunkt aus ganz gut aussah.

Agile Methodik Fotografie erster Zyklus
Erste Aufnahme, erster Zyklus

Als ich mir das erste Bild ansah, stellte ich mir die drei Fragen, wie ich sie oben beschrieben habe. Ich kam dabei zu dem Schluss, das mir seine Haltung nicht ganz zusagte. Sie wirkte für mich etwas zu passiv. Darum bat ich ihn die Hände aus den Taschen zu nehmen.

Es entstand die zweite Aufnahme, die mir auch gleich viel besser gefiel.

Agile Methodik Fotografie zweiter Zyklus
Zweite Aufnahme, zweiter Zyklus

An sich hätte ich mit dieser Aufnahme schon zufrieden sein können, doch ich stellte mir trotzdem die drei Fragen. Dabei kam ich zu dem Schluss, das Jannis etwas zu dominant in dem Bild ist. Mein Eindruck war es, dass die Landschaft im Hintergrund nicht gut genug zur Geltung kam. Daher entschloss ich mich, der Landschaft etwas mehr Raum zu geben.

Agile Methodik Fotografie dritter Zyklus
Dritte Aufnahme, dritter Zyklus

Schon viel besser, dachte ich mir. Auch wenn ich kurz zuvor der Meinung war ich wäre fertig, hat sich doch noch eine Verbesserung ergeben.

An dieser Stelle hätte ich wirklich aufhören können. Doch auch das gehört zu der agilen Arbeitsweise – weiter zu hinterfragen, auch wenn man scheinbar fertig ist.

Also stellte ich mir nochmals die drei Fragen und kam zu dem Schluss, dass der größere Bildausschnitt wunderbar wirkt. Doch begann mich der dazugewonnene Vordergrund zu stören. Weder gaben die Grasbüschel dem Bild eine gewisse Tiefe, noch einen Kontext der es interessanter machte.

Daher entschloss ich mich, den Bildausschnitt ein klein wenig nach oben zu verlagern.

Agile Methodik Fotografie finale Aufnahme
Finale Aufnahme, letzter Zyklus

Auch bei meinem letzten Bild stellte ich mir die drei Fragen und kam zu dem Schluss, dass ich nichts mehr verbessern könne. Damit war der agile Zyklus für mich abgeschlossen und ich konnte Jannis wieder zurückrufen – damit er selbst auch noch ein paar Bilder schießen konnte.

Resümee

Keiner kommt mit einem perfekten Blick und ausgereiftem fotografischen Können auf die Welt. Wir alle müssen Dinge erst lernen, bevor wir sie meistern können.

Wir sind wie Kinder, die Laufen lernen. Das klappt nie auf Anhieb. Doch mit jedem Sturz lernen wir unsere Balance besser zu halten. Wir verbessern unsere Koordination und fühlen uns mal um mal sicherer. Bis wir gar nicht mehr darüber nachdenken und das Laufen gemeistert haben. Warum sollte das in der Fotografie nicht auch so sein?

Wenn du mehr wissen willst, oder mir eine Rückmeldung zu dem Beitrag geben möchtest, würde ich mich sehr über eine Nachricht von dir freuen.

info@chasinglight.eu

instagram.com/alexandermartinphotography

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