Society, I hope you’re not lonely without me – Durch die Hardangervidda Teil 1

Wir leben in einer Welt, in der wir kaum noch vom Bildschirm wegkommen, immer erreichbar sind, immer auf dem neuesten Stand sein wollen oder müssen – in dieser Welt werden Einsamkeit, Unerreichbarkeit und Ahnungslosigkeit wieder zu einem hohen Gut.

Während ich den folgenden Text verfasst habe, hörte ich Musik. Ich empfehle, es mir gleich zu tun. Hier der Soundtrack zum Text.

Eine kleine Flucht – raus aus Allem. Raus in die Natur. Dorthin, wo es keinen Mobilfunkempfang gibt, wo man ganz auf sich alleine gestellt ist. Dorthin, wo man (mit sehr wenigen Ausnahmen) kein Essen kaufen kann und alles, was man benötigt, bei sich trägt. Dorthin, wo man dem Wetter ausgeliefert ist, Abenteuer erlebt und seine eigene Geschichte schreibt.

Vor einigen Jahren reiste ich nach Norwegen, besuchte Orte wie Trolltunga am Rande des Hardangervidda Nationalparks. Auch wenn Trolltunga vollkommen überlaufen war, wir uns nach fünf Stunden ständigen Laufens in eine Schlange stellen mussten, um auf der berühmten Felszunge zu stehen, war die Schönheit der Natur um uns herum nicht zu verkennen.

Seit diesem Trip reifte die Idee, die Hardangervidda besser, oder eher überhaupt kennen zu lernen. Und der beste Weg, dies zu erreichen, ist, tief in den Nationalpark hinein zu gehen, weg von Orten, Straßen, Menschen.

Nachdem ich in diesem Jahr  bereits nach Uganda gereist bin, widerstrebte es mir, mich wieder in ein Flugzeug zu setzen. Auch wenn ein Flug nach Oslo die Reisezeit erheblich verkürzt hätte, konnte ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, für meine Annehmlichkeit und meine Lust auf die nordisch wilde Natur Unmengen an Treibstoff zu verblasen. Mit dem Auto zu fahren, war auch keine Option, denn die Durchquerung des Nationalparks ist keine Rundtour, die am Startpunkt endet. Nein, Start- und Zielpunkt der Nord-Süd-Durchquerung liegen 125 Kilometer voneinander entfernt. Daher wurden Züge und Fernbusse die Reisemittel der Wahl; mit der Bahn nach Hamburg und dem Fernbus nach Oslo und wiederum mit dem Zug nach Finse im Norden der Hardangervidda, am Fuße des riesigen Gletscherschilds Hardangerjøkulen.

Bepackt mit dem Essen für 10 Tage, Zelt, Isomatte, Schlafsack, Gaskocher und natürlich meiner Kameraausrüstung machten wir, meine Freundin und ich, uns auf den Weg. Mein Rucksack wog satte 24 Kilogram. Ohne Trinkwasser – was zum Glück in Norwegen ja kein Problem ist.

Wegen des Gewichts gestaltete sich die erste Etappe entsprechend anstrengend. Das Wetter war trüb und bewölkt mit leichten Regenschauern. Überraschenderweise war es dennoch warm genug, um im T-Shirt laufen zu können.

Vor dem Anstieg in Richtung des Hardangerjøkulen kam die erste Hängebrücke der Strecke – neben den sporadisch auftauchenden Hütten das einzige Zeichen menschlicher Baukunst innerhalb des Nationalparks.

Mit der zunehmenden Höhe kam auch die Kälte. Wolken zogen auf. Besonders kalt wurde es, als es zum ersten Mal galt, einen Flusslauf, der dem Hardangerjøkulen entspringt, zu durchqueren – etwas, woran ich mich bei gerade geschmolzenem Wasser wohl nie gewöhnen werde.

Bald hingen die Wolken so niedrig, dass kaum noch etwas zu sehen war. Unter solchen Bedingungen hangelt man sich von Steinmännchen zu Steinmännchen und Markierung zu Markierung.

Der Nebel lichtete sich etwas und gab die Sicht auf den Gletscher frei. Doch so schnell wie er zu sehen war, so schnell war er auch wieder in den dichten Wolken verschwunden. Ein paar Kilometer weiter wurde es Zeit für das erste Lager am See Ramnabergvatnet.

Die Sicht wechselte ständig von wolkig zu klar. Während ich den ersten Sonnenuntergang genoß, die Umgebung erkunde, gegen Stechmücken am  Wasserfall des Zulauf des Ramnabergvatnet kämpfe und dabei versuche das sporadisch aufkommende Sonnenuntergangslicht einzufangen, zog der Himmel wieder zu und ich konnte gerade noch so ins Zelt verschwinden.

Regen prasselte herunter und ich musste feststellen, dass das Zelt volle Breitseite im immer stärker werdenen Wind stand. Die erste Nacht wurde daher etwas unangenehm.

Die zweite Etappe gestaltete sich zu Anfang so, wie der Tag zuvor geendet hatte. Regnerisch, nass und nebelig. Die nasse Kälte zog in die Knochen und erst beim Laufen wurde mir wirklich warm. Landschaft, Berge und Seen ließen sich nur erahnen. Doch mit der Zeit lichtete sich der Himmel wieder und gab den Blick auf die kargen Hochebenen der Hardangervidda frei.

Bald trafen wir auf den Rembesdalsvatnet – einen Stausee, der die tief im Tal liegenden Orte mit Wasserkraft versorgt und zudem vor Gletscherläufen schützt. Ein Gletscherlauf ist ein Phänomen, bei dem sich unter einem Gletscher befindliches Wasser urplötzlich freisetzt und wie eine Flutwelle ins Tal schießt.

Der Weg folgte, wie in unserer Karte beschrieben, dem linken Ufer des Sees und führte unterhalb eines Ausläufers entlang. Zu spät wird uns bewusst, dass der Weg bei weitem nicht so gut ausgetreten ist wie die Wege zuvor. Erst als wir am Flusslauf, der den Rembesdalsvatnet speist standen und die Markierungen im Fluss verschwinden sahen, wurde klar, dass hier etwas nicht stimmen kann. Mit bloßem Auge erkannte ich die Markierungen auf der anderen Seite des Flusses, doch die gewaltigen Wassermassen zu durchqueren wäre ein absolut tötliches Unterfangen.

Ein Blick in den Wanderführer klärte die Situation. Der Weg ist seit 2016 gesperrt – eine Umleitung führt um das westliche Ufer des Sees über die Staubrücke. Die Hängebrücke, die eigentlich an dieser Stelle hätte sein sollen – wie mag es anders sein – wurde durch einen Gletscherlauf vollkommen zerstört. Lehrgeld zahlend ging es wieder zurück. Belohnung für die Strapazen war jedoch ein äußerst schön gelegenes Plätzchen für die Nacht.

Der dritte Tag begann sonnig. Kein Wölkchen war am Himmel und wir genossen die Wärme, während wir den Weg, der sich zum Staudamm herunter schlängelt, hinuntergingen. Während wir über den Damm liefen, fielen mir die Teile einer zerstörten Hängebrücke auf, die sich am Damm gesammelt hatten. Ich vermute,  dass dies die Brücke gewesen sein muss, die am Tag zuvor eine sichere Passage um das östliche Ufer ermöglicht hätte.

Ein langer Anstieg durch teils schlammiges, teils steiniges Gelände gab bald den Blick auf den Simadalsfjorden frei, während sich der Weg entlang einer steilen Abbruchkante schlängelte. Hier oben wird die gewaltige Kraft des Eises deutlich, das sich langsam durch den Fels gefressen hat. Einer dieser Momente, in dem die Natur mir zeigt, wie unbedeutend unsere Existenz in der Geschichte unseres Planeten eigentlich ist.

Nach einer ausgedehnten Pause am See Skytjedalsvatnet fand sich ein lauschiges Zeltplätzchen kurz vor dem Pass am Berg Vetle Ishaug. Eigentlich, laut Wanderführer, sollte der Aufstieg durch ein sumpfiges Hochmoor führen – unmöglich, einen Platz fürs Zelt zu finden. Doch der Sommer 2018 war auch in Norwegen unerbittlich. Gut für die Suche nach einem Schlafplatz, aber die Natur leidet sichtlich darunter. Bisher hatten unsere Schuhe keinen typischen norwegischen Sumpfmatsch gesehen.

So wie der Tag wolkenlos begann, endete er auch wolkenlos. Mit wenig Kontext im Himmel wirken die Bilder des Abends eher minimalistisch.

Der vierte Tag der Wanderung gestaltete sich brutal. Die Sonne brannte in einer Stärke, wie ich es in Norwegen noch nie erlebt habe. Zudem artete der Tag mit der langgezogenen Suche nach einem Zeltplatz so aus, dass ich keine Muße mehr fand, um Bilder zu machen. 15 Kilometer im Gelände mit schwerem Gepäck ohne Schutz vor der Sonne. Am Ende des Tages lag ich, mich vor der Sonne schützend, im Zelt und wartete auf den lang ersehnten Sonnenuntergang.

Auch Tag fünf wurde hart. Auch wenn die Landschaft und die Wanderung schön waren, steckte der vorherige Tag noch in meinen Knochen. Neben Sonnenbrand im Gesicht und auf Unterarmen kündigte sich zudem über den Tag hinweg noch ein Gewitter an. Auch wenn sich das Wetter erstmal weitestgehend zurückhielt, brach am Abend die Hölle los.

Zum Glück lässt sich bei meinem Zelt das Außenzelt zuerst aufbauen – und genau das rettete uns davor, gänzlich durchweicht zu werden. Binnen weniger Sekunden prasselte das Wasser herunter und das Zelt wurde in den schlagartig aufkommenden Sturmböen durchgeschüttelt. Nach einigem Abwarten wurde klar, dass sich zwar das Gewitter verzog, der Regen aber erstmal nicht aufhören würde. Soweit es möglich war, machten wir es uns also gemütlich und harrten der Dinge, die da kommen würden.

Auch wenn es gefährlich, anstrengend und wild klingen mag – es sind auch diese Momente, die mich immer wieder in die Natur hinaustreiben.

Hier gehts zu Teil 2.